Bedřich Smetana

Bedřich Smetana hat die Grundlagen für eine völlige Neuorientierung der Musik auf tschechischem Boden gelegt und mit seinem Schaffen einen Höhepunkt gesetzt. Wie Ihr ganz deutlich erkennen könnt, fehlt das Wort »national« in diesem Satz. Wir haben zu diesem Begriff aus sehr verständlichen Gründen eine nicht unproblematische Einstellung - und laufen daher ständig Gefahr uns für so wichtig zu nehmen, dass wir diese Haltung auch von Menschen erwarten, deren geschichtlicher Hintergrund ein ganz anderer ist.

Einige Wikipedia-Profis wissen zu berichten: »Was Bedřich Smetana mit den nationalen Stoffen und folkloristischen Zügen einiger seiner Opern und mit seinem Zyklus Mein Vaterland eingeleitet hatte, führte Dvořák zu einem Höhepunkt.« Fragt sich nur, von welchem EINEN Höhepunkt hier die Rede ist. Smetana interessierte sich mit der gleichen Hingabe für Folklore wie Goethe für Zitate. »Und dieser Goethe - nicht wahr? - ein ganz raffinierter Kerl. Schaue sich einer den Faust an! Alles Zitate! Auf so eine Idee muss man erstmal kommen! ... « ;-)

smetana.zip

Ich habe für Euch ein Paket mit 8 Tracks geschnürt. Nein, kein »Best Of«; solche Zusammenstellungen sind selten gut. Es sollten Stücke sein, die wirklich etwas aussagen und nicht zu sehr aus dem Zusammenhang gerissen sind. Die eigentliche größere Beschäftigung mit Smetana bedeutet ja nach wie vor »Ma vlast« mit Frau Utz.

01-Das Landmädchen
Das »leise« Stück stammt aus den sechs Charakterstücken op.1 (!) und gibt einen vielleicht einen ersten einprägsamen Begriff für den Menschengestalter Smetana.
02-Hulan
gehört zu Smetanas letztem großen Klavierwerk, dem zweiten Band der tschechischen Tänze. Es hat natürlich mit dem ersten Stück zu tun. Wieder geht es um ein Mädchen, das mit seinem Liebling, einem Lanzer, spricht. Handelt es sich um ein Gelplänkel oder gar um einen Streit? Ich weiß es nicht, Smetana hat sich selbst nicht dazu geäußert. Es ist also Eure Entscheidung ;-).
03-Polka (Prodana)
ist das erste von drei Stücken, die sich mit jenem Tanz beschäftigen, der zu Smetanas Zeiten in den Städten als moderner Gesellschaftstanz aufgekommen war: der Polka. Sicherlich ist die Polka irgendwann auf dem Land entstanden, aber ihre Knospe entfaltete sich erst in der Stadt. Immer wieder gibt es die Vermutung, der Tanz stamme aus Polen. Das ist nicht richtig, denn der Name stammt vom tschechischen půlka, das »die Hälfte« bedeutet. Die Polka ist ein schneller Tanz im 2/4-Takt - und macht einen Riesenspaß. Einige von Euch werden es vielleicht wissen. Die »Verkaufte Braut« (Prodana nevěsta) ist nicht nur die Oper Nr. 1 in Tschechien (noch vor »Rusalka«), sondern gehört - diese »Indoktrination« mögt Ihr mir einmal erlauben - zu den absoluten Spitzenwerken des Genres überhaupt.
04-Streichquartett e-moll, 2. Satz:
Das Streichquartett trägt den Titel »Aus meinem Leben«. Hier erinnert sich der inzwischen ertaubte Meister an seine Jugendzeit. Wie ihr vielleicht deutlich erkennt, hat Smetana hier die Polka verfeinert. Sie hier weniger zum Tanzen, sondern Mittel, um das musikalische Bild eines rauschenden Tanzfestes zu beschwören. Die gehaltenen Akkorde des Trios galten zu Smetanas Lebzeiten als »technisch nicht zu bewältigen«, so dass sich das Quartett nur langsam durchsetzte. Heute zählt das Quartett zu den größten Meisterwerken der Quartettliteratur überhaupt.
05-PolkaEnFormeSouvenirNr. 2 (aus op. 13):
Hier hat Smetana die Polka von einem praktisch durchführbaren »Tanz« in eine vollkommen eigenständige Kunstform gewandelt, die als Tanz noch erkennbar ist, aber nicht mehr das Ziel hat, wirklich getanzt zu werden.
06-Duett 1. Akt (Prodana nevěsta):
Dieses Duett bildet die Brücke von den Instrumentalstücken zu den beiden letzten Gesangsstücken. Es macht mir größte Probleme, etwas aus Opern aus dem Zusammenhang »herauszuziehen«. Schon gar nicht geht es mir dabei um »besonders schöne« Stücke, obwohl dieses sicherlich eine Krone erhalten müsste. Smetana hasste Rampensängerei wie die Pest. Ich glaube, dass dies mit diesem Stück ganz gut deutlich wird. Ursprünglich hatte ich vor, hier ein paar Auszüge aus »Hubicka«, seiner sechsten Oper, folgen zu lassen, um Euch noch einen weiteren Aspekt der Polkaverwandlung Smetanas zu zeigen. In »Hubička« ist sie nicht mehr als separater Tanz erkennbar, sondern geht vollkommen in der Personencharakteristik auf, was den Kreis zu den ersten Stücken des Pakets schließen würde. »Hubička« ist aber so vollkommen gestaltet, dass es sich von selbst verbietet, einzelne Abschnitte als separate Schnipsel an dieser Stelle (aber vielleicht an anderer später) herauszuziehen.
07 und 08 -Dalibor:
Die beiden Nummern aus Smetanas dritter Oper »Dalibor« habe ich hier nur als musikalischen Kontrast eingefügt. Dalibor hat eine große kulturpolitische Bedeutung, auf die wir an anderer Stelle noch zu sprechen kommen. Mehr will ich an dieser Stelle nicht sagen, denn es geht mir mehr darum, wie die Musik (wieder ohne dass der Text bekannt wäre), auf Euch wirkt.

Heiko Schroeder 2011-03-10